Digital Ethics – ein Thema über den Facebook-Wahlkampf hinaus?

22.06.2021

Digital Ethics – derzeit ein wahres Modethema. Aber was verbirgt sich eigentlich dahinter? Die unterschiedlichsten Assoziationen werden wach: Wahlkampfschlachten auf Facebook, die mit Fake News durchsetzt sind. Ausgefeilte Werbe-Algorithmen auf Amazon. Die vorprogrammierte Entscheidung, wen das selbstfahrende Auto im Zweifelsfall überfährt.

In alledem stecken Digital Ethics. Ein ziemlich neuer Begriff, aber im Grunde nur die logische Folge der technischen Entwicklung. Es geht darum, bereits bestehende ethische Prinzipien in eine digitalisierte Welt zu übertragen. Es geht um Werte, Grundfreiheiten und Verantwortung bei der Nutzung neuer digitaler Phänomene und Aktivitäten wie künstlicher Intelligenz, Algorithmen, maschinellem Lernen und „Big Data Analytics“.

Dies betrifft zum Beispiel die Frage, ob wir wollen, dass ein Algorithmus darüber bestimmt, welcher Bewerber den Zuschlag erhält. Oder ob wir wollen, dass ein Pflegeroboter überwacht ob einer seiner Schützlinge entgegen der medizinischen Vernunft Alkohol trinkt. Oder ob wir wollen, dass auf Grund der Kriminalstatistiken vergangener Monate die Polizei in bestimmten Stadtteilen ohne konkreten Anlass Personen kontrolliert.,

Ein entscheidendes Grundproblem ist, dass viele oder sogar die meisten von uns diese rasante Entwicklung kaum noch verstehen und den Einsatz der neuen technischen Möglichkeiten schlichtweg hinnehmen – im Vertrauen darauf, dass das alles schon seine Richtigkeit haben wird. Das ist aber der falsche Weg. Damit überlassen wir relativ wenigen Programmierern ohne gesellschaftlich Kontrolle sehr weitreichende Entscheidungen.

Meiner Meinung nach besteht Handlungsbedarf auf zwei Ebenen: Auf individueller Ebene sollte sich jeder um eine „Grundalphabetisierung“,d.h. ein Basis-Verständnis der Strukturen und des Einsatzes digitaler Lösungen, bemühen, so dass zumindest konzeptionell ein kritisches Mitdenken erfolgen kann. Auf gesellschaftlicher Ebene sollten wir uns auf Prinzipien und Leitlinien einigen, nach denen wir die neuen digitalen Möglichkeiten ausschöpfen wollen.

Denn wie im Bereich Globalisierung gilt auch hier: Per se ist Digitalisierung weder gut noch schlecht, sondern schlicht ein Phänomen, das nicht aufzuhalten ist. Sie wird gut oder schlecht durch den Rahmen und die Regeln, die wir ihr aktiv gemeinsam geben.

Die Europäische Union sollte daher nicht nur verzweifelt versuchen, durch möglichst viele Förderprojekte den Anschluss an China und die USA z.B. im Bereich der künstlichen Intelligenz nicht vollständig zu verlieren. Sie sollte auch selbstbewusst einen Rahmen für deren Einsatz im Marktplatz Europa setzen, so dass Digitalisierung nicht nur unter Beachtung der ja eher als formalistisches Grauen wahrgenommen Datenschutzgrundverordnung stattfindet, sondern darüber hinaus nach gemeinsamen europäischen Werten und gemäß unserem Menschenbild . Auf diese Weise könnte eine „Schöne neue Welt“ verhindert und ein echter Standortvorteil für Europa geschaffen werden.Weltweit finden zunehmend mehr aufgeklärte Konsumenten und Nutzer, aber auch Unternehmenslenker,die Entwicklungen unheimlich und wünschen sich Klarheit und Orientierung in die richtige Richtung.

Es gibt natürlich bereits diverse Initiativen auf den verschiedenen Ebenen der Politik, der Nichtregierungsorganisationen, der Wirtschaft und der Wissenschaft mit diesem Ziel. Jedoch muss das - zugegebener Maßen große - Kunststück vollbracht werden, die diversen „Whitepapers“ und „Declarations“ um konkrete und verbindliche Regeln für Unternehmen, die ihre Geschäftsmodelle auf künstliche Intelligenz, Algorithmen und Big Data Analytics stützen, zu ergänzen. Um den erforderlichen gesellschaftlichen Diskurs und damit die Voraussetzungen für diesen Schritt zu schaffen, braucht es die individuelle „Alphabetisierung“.

Gerade Entscheidungsträger dürfen jetzt nicht den Kopf einziehen und hoffen, dass sie es noch in den Ruhestand schaffen, ohne sich durch das Dickicht aus neuen Begriffen und Konzepten aus der digitalisierten Welt zu schlagen. Sie dürfen nicht darauf vertrauen, dass die jungen Leute aus dem Silicon Valley das im Sinne der Menschenwürde schon gut machen werden .

Es ist eminent wichtig, dass wir als Individuum und als Gemeinschaft sicherstellen, dass auch bei der Nutzung der neuen technischen Möglichkeiten der Mensch im Mittelpunkt steht, und dass der Mensch letztlich entscheidet und verantwortlich bleibt. So wie es der europäischen Grundrechtecharta entspricht.

Daher wünsche ich mir, dass die Europäische Union als ganzes sowie die Europäer als Individuen eine Vorreiterrolle darin anstreben, einen klaren regulatorischen Rahmen für die unaufhaltsame Digitalisierung zu schaffen, um die europäischen Grundfreiheiten, Grundwerte und Ethics zu bewahren.

Cordula Meckenstock in The Pioneer 14.11.2020


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